CO2-Speicher als handelbares Asset
Das Zürcher PropTech-Startup Timber Carbon überführt die CO2-Speicherung im Holzbau in handelbare Zertifikate.
Nach einer dreijährigen Entwicklungsphase und über 90 erfassten Bauwerken mit mehr als 72.000 Tonnen gebundenem Kohlendioxid launcht das Schweizer PropTech-Unternehmen Timber Carbon eine KI-gestützte Plattform für den Bausektor. Die Technologie verknüpft die langfristige Kohlenstoffspeicherung in Bauwerken unmittelbar mit den internationalen Kohlenstoffmärkten. Um die weltweite Skalierung des Systems voranzutreiben, bereitet das Zürcher Climate-Tech-Unternehmen derzeit seine erste Finanzierungsrunde vor. Für Projektentwickler und Bauträger wird damit eine ökologische Bauleistung erstmals direkt monetarisierbar.
Vom Kostenfaktor zum wirtschaftlichen Baustein
Bestehende Gebäudezertifikate und Nachhaltigkeitslabels honorieren zwar regulatorische Standards, bilden die dauerhafte Kohlenstoffbindung biobasierter Baustoffe bislang jedoch kaum als handelbaren Wert ab. Timber Carbon schließt diese Lücke durch die Anbindung an etablierte Kohlenstoffhandelsplätze und standardisierte Verifizierungsverfahren. Die Dekarbonisierung eines Projekts wandelt sich dadurch von einer reinen Kostenposition zu einem wertschöpfenden Vermögenswert. Bauträger können die generierten Zertifikate entweder zur Verbesserung der eigenen Klimabilanz im Rahmen des Insettings nutzen oder am freiwilligen Markt veräußern.
Automatisierte Verifizierung und Urban Mining
Der Workflow der Plattform bildet den gesamten Zertifizierungskreislauf digital und automatisiert ab. Das System erfasst projektspezifische Baudaten, berechnet regionale Kohlenstoffwerte und begleitet den Prozess bis zur offiziellen Registrierung sowie dem kontinuierlichen Monitoring. Gleichzeitig dokumentiert die detaillierte Bauteilerfassung das spätere Potenzial für Urban Mining und die werkstoffliche Wiederverwendung im Sinne der Kreislaufwirtschaft. Registriert werden die sogenannten Timber Carbon Removal Credits beim internationalen Rainbow Standard, dessen Anerkennung unter der europäischen CRCF-Verordnung für Ende 2026 avisiert ist.
"Der Bausektor gehört zu den Branchen, die am schwersten zu dekarbonisieren sind. Timber Carbon zeigt, was nötig ist, damit es doch gelingt", pointiert Ludovic Chatoux, CEO des Rainbow Standard.
Druck durch neue Vorgaben und Marktpotenzial
Aktuell verantwortet der Gebäudebereich rund 36 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen, wovon ein Drittel auf die Herstellung und den Transport von Baumaterialien entfällt. Regulatorische Weichenstellungen wie das EU-Emissionshandelssystem ETS 2 ab 2028 und Offenlegungspflichten für das Treibhauspotenzial im Rahmen der EPBD erhöhen den Druck auf Planer und Bauherren spürbar. Nationale Vorgaben wie die französische RE2020 oder der Schweizer Minergie-Netto-Null-Standard fordern ebenfalls eine drastische Reduktion grauer Emissionen. Die Inwertsetzung gespeicherten Kohlenstoffs soll dazu beitragen, den Anteil biobasierter Neubauten bei Renditeliegenschaften binnen eines Jahrzehnts zu verdoppeln.
"Bisher war die Klimaleistung von Holzbauten wirtschaftlich unsichtbar. Wenn sie zertifiziert und handelbar wird, verändert das die Gespräche mit Bauherrschaften, und genau dort entscheidet sich, ob mehr in Holz gebaut wird", unterstreicht Valentin Wiesner, Geschäftsführer von Wiehag Timber Construction.